- Sprache:
- Altgriechisch
- Herkunftsort:
- Text: Heutzutage Griechenland oder Kleinasien (Türkei); Manuscript: Türkei (Konstantinopel = Istanbul)
- Entstehungszeit:
- Das Zitat stammt aus Homers „Ilias“ aus dem 8./7. Jahrhundert v. Chr. (Datum in der Forschung umstritten); Die auf dem Bild gezeigte Handschrift stammt aus dem 9. Jahrhundert n. Chr.; Die Notizen auf dem Rand (sogenannte Scholia) wurden im 12. und 13. Jahrhundert hinzugefügt.
- Transkription:
- οὐκ ἄν τοι χραίσμῃ κίθαρις τά τε δῶρ’ Ἀφροδίτης
ἥ τε κόμη τό τε εἶδος ὅτ’ ἐν κονίῃσι μιγείης.
(Iliad 3.54–55)
- Übersetzung:
- Dann werden dir weder deine Leier noch die Gaben der Aphrodite helfen –
weder dein Haar noch deine Schönheit, wenn du im Staub darniederliegst.
Methodische Hinweise:
Der ,Codex Venetus A‘ ist eine mittelalterliche Handschrift, die den Text von Homers Ilias auf Pergamentblättern enthält. Die Ilias ist ein Epos und eines der ältesten erhaltenen Werke der europäischen Literatur. Das Besondere an dieser Handschrift aus dem 9. Jahrhundert nach Christus ist, dass sie neben dem Text der Ilias auch Randbemerkungen (sogenannte Scholien) enthält, die auf die philologischen Praktiken in der berühmten Bibliothek von Alexandria zurückgehen. Der hier gezeigte Codex Venetus ist daher eine der wenigen Quellen, die es uns ermöglichen, zu rekonstruieren, was um 300 vor Christus in der Bibliothek von Alexandria geschah, als Gelehrte bereits darüber nachdachten, wie der homerische Text zu verstehen und vor Überlieferungsfehlern zu bewahren sei.
Als Beispiel mag eine homerische Text-Stelle dienen:
Dann werden dir weder deine Leier (kitharis) noch die Gaben der Aphrodite helfen,
weder dein Haar noch deine Schönheit, wenn du im Staub darniederliegst. (Ilias 3,54–55)
Schon damals in Alexandria rätselte man über das griechische Wort für „Leier“ (kitharis), denn Paris (die Figur, um die es hier geht) wird sonst nirgends bei Homer mit einer Leier dargestellt. Es gibt also keine Parallelstellen. Das war offenbar der Grund, weshalb jemand vorgeschlagen hatte, das Wort kitharis durch kidaris zu ersetzen. Eine kidaris ist, wie der Kommentar am Rand der Handschrift erklärt, eine Art Filzkappe, die ein Krieger unter seinem Helm trägt.
Der alexandrinische Kommentator weist diese Ersetzung jedoch mit den Worten zurück: „Es gibt bei Homer schließlich viele Dinge, die nur ein einziges Mal gesagt werden.“ Nur, weil etwas im Text einzigartig ist, bedeutet das nicht, dass man es einfach durch etwas Gebräuchlicheres ersetzen kann. Auch das Einzigartige hat ein Recht, im Text zu stehen, und im Zweifelsfall müssen Philologen es verteidigen.
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